Der Magische Zirkel Stuttgart (MAGICstuttgART) gehört zu den traditionsreichsten und bekanntesten Ortszirkeln des Magischen Zirkels von Deutschland (MZvD). Seine Aufgabe ist die Förderung und Pflege der Zauberkunst. Von Okkultismus, Pseudohellsehen u.ä. distanziert er sich.

Will Widmann

Will Widmann

Manfred Keck

Manfred Keck

Gründung

Die Geburtsstunde des Magischen Zirkels Stuttgart schlug im Juni des Jahres 1928. Vorsitzender war Will Widmann (Foto „Im Ärmel“ S.33), Gastronom und Inhaber der „Elsässer Taverne“, einem Schlemmerlokal, dort, wo heute das Breuninger Parkhaus steht (und Autos schluckt). In diesem Feinschmecker-Restaurant trafen sich die Stuttgarter Zauberfreunde in einem Nebenzimmer im ersten Stock. Ein wahrhaft exklusiver Club: Dr. Manfred Keck (Foto „Im Ärmel“ S.34), der unvergleichliche Meister der Kartenkunst, Tierarzt von Beruf, ständig mit einem Kartenspiel in der Kitteltasche ausgerüstet; Josef Deininger, Spezialist der Mikromagie (die damals allerdings noch nicht so hieß); Hermann Klingler, der unerschöpfliche Tüftler und Erfinder, auch „Faden-Hermann“ genannt, Inhaber eines Kurzwarengeschäfts am Rathausplatz. Später stieß der 18 Jahre junge Heinz Seemann dazu, zunächst als Assistent von Willy Widmann, später war er dann der erste Preisträger des OZ Stuttgart bei einem Zauberwettbewerb.

Zeitungsanzeige

Zeitungsanzeige

Kongresseinladung

Kongresseinladung

Bühnenabende

Von einem der ersten großen Bühnenabende blieb uns eine Zeitungsanzeige erhalten („Im Ärmel“ S. 21). Der Clou des Abends sollte die Zersägung von Heinz Seemann in einer Kiste werden. Klingler hatte dazu bei einem Schreiner eine massive Holzkiste bestellt, deren Hälften (wie er sagte) durch Holzschrauben zusammengehalten werden sollten. Der Auftritt kam, Seemann lag in der Kiste und zwei Zuschauer fingen mit einer Zimmermannsäge an zu sägen. Und sägten und sägten. Zwischendurch erhielten sie und die unermüdlich spielende Kapelle wieder ein Bier. Nach einer Dreiviertelstunde stieg Seemann schweißgebadet unter riesigem Beifall unversehrt aus der Kiste. Die Säge hatte keinen einzigen Zahn mehr. Was war passiert? Klingler hatte hölzerne Schrauben gemeint, der Schreiner aber werksgetreu acht massive eiserne Schrauben eingedreht. Die Mutter von Seemann soll einer Ohnmacht nahe gewesen sein…

Die „Zersägte Jungfrau“ hatte übrigens in Stuttgart eine Fortsetzung: Jahre später baute Tom Voss eine sensationelle Zersägung mit einer Kreissäge, von der er sich selbst (und seinen beiden Assistentinnen) durchtrennen ließ. Die beiden „Hälften“ verwandelten sich dann in zwei Jungen, er selbst erschien in der Mitte des Saales wieder.

Noch im selben Jahr fand, wegen des großen Erfolges, ein weiterer Bühnenabend statt, zu dem sogar der gebürtige Stuttgarter Helmut Schreiber (der spätere Kalanag) als Mitwirkender aus Berlin angereist kam. Überhaupt ging es in diesem Jahr magisch aktiv in Stuttgart zu. Der junge Ortszirkel lud ein zu einem Magischen Kongress (Foto „Im Ärmel“ S.22).

Inzwischen hatte sich der Ortszirkel vergrößert: neben den Gründungsmitgliedern (u.a. Bertilo, Hermann Kohn, Müller, Lilienfein, Kettner) stießen dazu: Kurt Eisele, ein weiterer Spezialist der Mikro-Magie, der Profizauberkünstler und Manipulator Josetti, Alfred Decker und Richard Pieper, der für die Fachzeitschrift, die „MAGIE“ des Magischen Zirkels, viele Artikel verfasste und aus dem Englischen übersetzte; seit den Fünfziger Jahren trat er unter dem Namen „The New Einstein“ auf. Uns allen ist noch sein einleitender Satz im Gedächtnis: „Es gibt nur zwei Menschen auf der Welt, die die Relativitätstheorie verstanden haben: ich – und mein früherer Mitarbeiter Albert.“

1933 bis 1945

Die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg brachten die Stuttgarter Magier fast unbeschadet hinter sich, allerdings blieb Heinz Seemann unter nicht geklärten Umständen verschollen. Jüdische Mitglieder wurden geschützt, zum Beispiel auch durch Namensänderungen (aus Kohn wurde Kuhn). Genaueres lässt sich in Ermangelung von Akten und Quellen nicht mehr rekonstruieren. Willy Widmann war gestorben, neuer Vorsitzender wurde Dr. Manfred Keck. In der guten Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Chef des amerikanischen Radiosenders, Captain Fred Taylor (der ebenfalls begeisterter Amateurzauberer war), gelang trotz Nahrungsmittelmangel und zerbombten Häusern ein erfolgversprechender Wiederanfang. Als weitere Interessenten stießen dazu: Altvatter, Con-Conelli, Busch, Heinz Gieppner, Walter Kempf und Engelsleben (der später unter dem Namen Alexander Adrion ein vielgebuchter und beachteter Profi wurde).

Kalanags Billardball-Trick

Kalanags Billardball-Trick

Kalanag

1949 war Stuttgart-Premiere der Revue „Simsalabim“. Helmut Schreiber (jetzt als Kalanag) gastierte im Metropol-Palast. Besonders stolz war er auf seinen eben erst geschaffenen „Chicagoer Billardballtrick“. Er arbeitete mit verschiedenfarbigen Bällen, und immer, wenn er die Bälle mit seinem Zigarrenrauch anhauchte, wechselte eine seitlich stehende Stehlampe die Farbe – eine intelligente Möglichkeit, einen kleineren Zaubereffekt für die größere Bühne zu visualisieren. Dazu kamen dann natürlich seine Sensationsillusionen: die „Magische Bar“, bei der sich die Zuschauer beliebige Getränke wünschen konnten, eine unglaublich beeindruckende „Schwebende Jungfrau“, angesiedelt vor einer riesigen Buddhastatue (in der ersten Version noch aus Ofenrohren gebastelt), ein „Verschwindendes Auto“ (den dazugehörenden Lattenzaun hatte ein Klassenkamerad Schreibers in Wangen gebaut), und das alles mit „Wasser aus Indien“ bzw. aus einem Krug, der ausgegossen wurde und sich auf magische Weise immer wieder füllte. In diesen Jahren begann auch der schöne Brauch, dass Kalanag seine Stuttgarter Zauberfreunde immer dann, wenn er hier gastierte, zu einem schwäbischen Linsenessen mit Würschtle und Spätzle einlud. (Diverse Fotos aus Programmheften, aber auch aus „Im Ärmel“ S.42 bis 47)

Kalanags Illusion der Schwebenden Jungfrau

Kalanags Illusion der Schwebenden Jungfrau

Kalanag 1937 auf einem OZ Abend in Stuttgart

Kalanag 1937 auf einem OZ Abend in Stuttgart

Fünfzehnjähriger Kalanag

Fünfzehnjähriger Kalanag

Heinz Wächtler

Heinz Wächtler

Erfolgreicher Neubeginn

Dr. Keck wurde von Dr. Hans-Ulrich Stroelin abgelöst, der dann als 1. Vorsitzender die Geschicke des OZ bis in die siebziger Jahre leitete. In diese Zeit fielen viele öffentliche Zauberabende in der „Komödie im Marquardt“ und im Kammertheater, und der Titel „Rendezvous der Zauberer“ wurde ein Qualitätskennzeichen. Auch auswärtige Zauberfreunde gastierten in diesen Shows. Horst Jaedicke, der damalige SDR-Fernsehdirektor, war ein Schulfreund von Dr. Stroelin, und so kam es zu einem ersten Fernsehauftritt der Stuttgarter Zauberer am 22.6.1955, dem noch unzählige folgen sollten. Für eine Interimszeit führte Heinz Wächtler (Foto „Im Ärmel“ S. 7) von 1976 bis 1979 den Ortszirkel. Er selbst: ein Kartenspezialist der Extra-Klasse und Schüler von Dr. Keck. Durch ihn und seinen Vize, Rolf Lohrmann, wurden die ersten Mikroabende aufgeführt: Sechs Zauberkünstler unterhielten das Publikum, und es wurde sozusagen direkt unter den Nasen der Zuschauer mit kleineren Gegenständen wie Münzen, Spielkarten oder Schwammbällen gezaubert. Mit einem glanzvollen Ball wurde 1978 das fünfzigjährige Jubiläum des Ortszirkels gefeiert. Heinz Wächtler, inzwischen leider verstorben, wird uns allen, die ihn noch gekannt haben, durch sein Können und sein Fachwissen, vor allem aber auch durch seine Menschlichkeit und Toleranz in Erinnerung bleiben. Als Dank für seinen Einsatz wurde er zum Ehrenvorsitzenden gewählt.

MAGIC stuttgART

Seit 1979 ist Eberhard Riese der 1. Vorsitzende. Die Zahl der Mitglieder stieg auf fast hundert, auch Zauberer aus anderen Bundesländern gehören dazu und sind sporadisch Gäste bei uns, wie zum Beispiel der frühere Fernsehmoderator Franklin oder der iPad-Zauberer Simon Pierro. Regelmäßig im Sommer gestalteten wir „Abende der Zauberkunst“ im „Theater der Altstadt“: der Kontakt entstand bei einer Aufführung von „Die kleine Hexe“, in der Susanne Heydenreich, die heutige Intendantin, die Titelrolle und unser späterer Betreuer Christian Stahr die Oberhexe spielte – wir selbst sorgten für die passenden Zaubertricks. Da uns die Bühne bald zu klein wurde, zogen wir ins Theaterhaus um. Parallel dazu beteiligten sich vor allem die neuen „Jungen“ an nationalen und internationalen Wettbewerben, bald war von der sog. „Stuttgarter Schule“ die Rede, sogar international. Aber werfen Sie einfach einen Blick auf die Seite „Preisträger“: Deutsche Meistertitel, Weltmeistertitel, Gewinner der Goldenen Ringe von Lausanne, des Sarmoti Awards von Siegfried&Roy oder der Goldenen Zauberstäbe von Monaco sind kaum noch zählbar. Die Zauberkünstler des Magischen Zirkels Stuttgart engagieren sich vielfältig. Sie veröffentlichen Trickbeschreibungen und Tipps in der Fachzeitschrift „MAGIE“, haben zwei Seminar-DVDs für Zauberkünstler herausgebracht, veranstalten vielbeachtete Fachkongresse, schreiben Bücher (z. B. Topas: „Jungfrau gesucht, Säge vorhanden“). Sie treten bei Veranstaltungen aller Art auf: internationale Zaubershows, eigenständige abendfüllende Programme (u.a. Andy Häussler, Fisselspecht, Julius Frack, Topas), Tourneen im In- und Ausland (Julius Frack, Timo Marc und Topas sogar in Asien und Amerika). Aber auch im sozialen Bereich sind und waren sie tätig: in Altenheimen, als Krankenhaus-Clowns, in Strafanstalten. Sie sind innerhalb des Magischen Zirkels nicht wegzudenken, so war Andy Häussler, der 2. Vorsitzende des OZ Stuttgart, lange Jahre im Vorstand und Vizepräsident des Magischen Zirkels. Im OZ Stuttgart sorgt Sebastian Gottschalk („Fisselspecht“) als Schriftführer und Horst Reutter als Rechnungsführer dafür, dass alles seinen ordnungsgemäßen Verlauf nimmt. Seit 1998 veranstaltet “MAGICstuttgART” immer Anfang Januar in Sindelfingen das “Festival der Illusionen” mit vielen Zauberkünstlern aus aller Welt und natürlich auch mit den Preisträgern des Magischen Zirkels Stuttgart.